Mein Lastenrad

Fahrradfahren mit Kleinkindern in der Großstadt

Ein Symbolbild – irgendwann kann ich auch mit Inkscape zeichnen 🙂

In diesem Artikel geht es darum, warum wir uns ein Lastenfahrrad zugelegt haben, welche Erfahrungen wir mittlerweile damit gemacht haben und welche Vor- und Nachteile wir sehen.

Unser Weg zum Lastenfahrrad

Bevor Kind Nr.2 zur Kita kam, hat mein Mann Kind Nr.1 mit dem Fahrrad zur Kita gebracht. Ich konnte derweil mit Kind Nr.2 gemütlich in den Tag starten. Abgeholt habe ich Kind Nr.1 am Nachmittag mit dem Bus.

Kind Nr. 2 vor dem Bauch, Kind Nr.1 an der Hand, in der anderen Hand ihr Laufrad und auf dem Rücken den Rucksack mit Wickelzeug- und Buddelzeug sowie Verpflegung für den Spielplatz. Manchmal habe ich auch den Kinderwagen genommen, aber das ist für niemanden im Bus ein Vergnügen, zumal ich um 15:30 Uhr nicht die einzige Mutti mit Kinderwagen war und es somit sehr unangenehm eng für alle Fahrgäste wurde. Alle Eltern können sich vorstellen, dass das ganze Abholprozedere sehr anstrengend war. Als dann Kind Nr.2 in die Kita kam, stellte sich die Frage, wie wir das am geschicktesten lösen, vor allem unter der Prämisse, dass vornehmlich ich bringe und abhole und nicht mehr der Mann. Den Fahrradanhänger täglich aus dem Keller zu holen und ihn an mein Fahrrad zu koppeln, während zwei Kleinkinder auf die Straße rennen, war für mich keine Option.

Zufällig sah ich genau in dieser Zeit eine ältere Frau gemütlich auf einem Dreirad (Trike) an mir vorbeiradeln. Das Trike hatte hinten eine große Fläche, wie ein überdimensionierter Gepäckträger. Das wollte ich auch! Einige Recherchen später standen wir in einem Shop für Lastenfahrräder in Lichtenberg und ich konnte erstmalig ein Trike ausprobieren. Das war ein witziges Fahrgefühl und so stabil! Das war toll. Die zwei Räder waren aber vorne unter dem Kasten, nicht hinten, wie bei dem Rad der älteren Frau. Solche Räder sind aber auch eher therapeutisch oder für Reha-Zwecke und um die Mobilität zu erhalten. Da ich ungern und unsicher Fahrrad fahre, fand ich das wahrscheinlich deswegen sehr ansprechend.

Nach dem Trike durfte ich ein zweirädriges Lastenrad ausprobieren. Es war sehr schwer, aber es fuhr sich toll und geschmeidig. Es ist eine witzige Erfahrung, wenn das Vorderrad, das so weit weg ist, trotzdem auf meine Lenkerbewegung reagiert. Die ungewohnte Lenkung mit dem Trike und dass ich mich beim Abbiegen nicht in die Kurve legen konnte, gab den Ausschlag für ein zweirädriges Lastenrad. Dafür kann das Trike praktisch nicht umkippen.

Leider gab es in dem Laden keine Lastenräder ohne Vorbestellung und lange Wartezeit zu kaufen, da es mitten in der Corona-Hochzeit war und alle Welt Lastenräder gekauft hat, um nicht mehr Bahn und Bus fahren zu müssen.

Deswegen haben wir auf einer Online-Plattform ein ziemlich abgenutztes Lastenfahrrad für 500€ gekauft. Da gebrauchte Lastenräder eigentlich erst ab 1200€ zu bekommen sind, war das ein Schnäppchen. Wir haben zugeschlagen und seitdem hat mein Mann sehr viel an dem Rad rumgeschraubt und gearbeitet. Aber es erfüllt seinen Zweck! (und sieht so schlimm und oll aus, dass wir keine Angst vor Diebstahl haben :-D)

Meine Erfahrungen mit dem Lastenfahrrad

Mittlerweile fahre ich fast täglich mit dem Lastenfahrrad, um die Kinder zur Kita zu bringen oder abzuholen. Ich würde nie mehr darauf verzichten. Da ich nicht mehr auf den Bus angewiesen bin, kann ich mich viel entspannter fertig machen und die Zeiten selbst bestimmen. Einkäufe sind auch kein Problem mehr, was meinen Mann entlastet. Ich kann schnell mit den Kindern irgendwohin fahren, anstatt ewig mit dem Kinderwagen zu laufen.

Das Fahrrad fährt sich unglaublich bequem, wenn man sich an das Gewicht gewöhnt hat. Es ist ein altes Cangoo und wiegt vielleicht 35-40kg. Die Kiste liegt sehr tief, wodurch man sehr geerdet und viel stabiler als mit einem normalen Fahrrad fährt. Der Lenker ist hoch, wodurch ich aufrecht und bequem sitze, einen guten Überblick über parkende Autos habe und auch selbst gut gesehen werde. In die relativ kleine Kiste passen die Kinder und 1-2 Rucksäcke. Die Kinder sitzen vor dem Lenker, wodurch ich mich während der Fahrt mit ihnen unterhalten kann. Die Kinder selbst lieben das tägliche Achterbahnerlebnis, besonders wenn ich auf geraden und ruhigen Strecken Schlangenlinien fahre.

Nachteile des Lastenfahrrads

Einige Sachen stören mich an dem Lastenfahrrad. Da es eine recht alte Version ist, hat es nur drei Gänge. Der Sprung zwischen dem zweiten und dem dritten Gang ist sehr groß und unebene oder kaputte Wege oder schon kleinste Steigungen sind eine große Belastung für die Knie. Die Lastenfahrräder, die es heutzutage zu kaufen gibt, haben aber in der Regel 7-8 Gänge und sind deshalb viel gelenkschonender.

Es passt nicht in die Bahn. Das Lastenrad ist so lang, dass es nicht in die Aufzüge an Bahnhöfen passt. Mittlerweile ist die Mitnahme von Lastenfahrrädern in den Zügen der Deutschen Bahn auch nicht mehr gestattet. Ich verstehe die Gründe der Bahn, aber es schränkt die Mobilität ein. Wenn ich mit dem Lastenfahrrad unterwegs bin, muss ich damit fahren oder es irgendwo stehen lassen, da es nicht für die Beförderung im ÖPNV geeignet ist.

Es ist schwer. Und zwar so schwer, dass wir es draußen bei Wind und Wetter stehen lassen müssen, weil man das große und lange Rad natürlich nicht einfach so die Kellertreppe hinunter bugsieren kann. Außerdem ist es bei Gegenwind wirklich anstrengend, damit zu fahren, weil die große Kiste soviel Luftwiderstand bietet.

Es ist teuer. Da es nach wie vor ein Nischenprodukt ist und speziell angefertigt werden muss, gehen die Preise für neue Räder erst bei 2000€ los und ganz schnell ist man bei über 5000€. Einiges an Zubehör, wie eine Persenning und ein Regenverdeck für die Kinder müssen extra gekauft werden.

Vorteile des Lastenfahrrads

Es ist schnell und bequem verfügbar.

Ich kann damit große und schwere Lasten transportieren.

Ich kann es überall abstellen, weil sich dafür immer eine Parkfläche findet und muss nicht lange nach einem Parkplatz suchen.

Das Lastenfahrrad ersetzt uns in der Großstadt ein Auto und hat demgegenüber keine Kosten im Unterhalt. Es macht mich unabhängig.

Natürlich muss ich selbst treten, aber das sorgt für meine tägliche Bewegung. Neulich sprach ich beeindruckt einen Vater an, der Platz für drei Kinder in seinem Trike hatte. Er erzählte mir, dass er vier Kinder hat und zu Hochzeiten fünf (5!) Kinder mit reiner Muskelkraft damit transportiert hat. Da war natürlich noch eine Extra-Sitzbank in der Mitte eingebaut. Aber in welchem normalen Auto kann man fünf Kinder transportieren? 😊 Da braucht es schon ein großes Auto mit Extrasitzen, was natürlich wieder viel energieintensiver ist.

Autofahrer sind in der Regel sehr nett zu mir und rücksichtsvoll, wenn ich da mit zwei Kindern in der Kiste angefahren komme. Ich kriege sogar die Vorfahrt gewährt, wenn sie mir zusteht. 😛 Nein, Spaß, selbst Fußgänger halten am Fußgängerüberweg meistens an, weil sie Mitleid mit mir haben, wenn ich da angestrampelt komme. Aber nichts da, die Fußgänger haben Vorrang. 😊

Lebensdauer und Wertstabilität

Je nach Anfertigungsqualität sind Lastenfahrräder sehr langlebig. Da sie für den Transport von schweren Lasten konzipiert sind, sind sie praktisch unkaputtbar. Die Schrauben an der Kiste von unserem Lastenrad sind beispielsweise schon stark verrostet, sind aber eine so innige Verbindung mit ihrer Umgebung eingegangen, dass mein Mann die Kiste nicht vom Rad bekommt, um da mal zu entrosten. 😀

Im Laden wurde uns gesagt, dass Kinder bis zum achten Lebensjahr mit einem Lastenfahrrad transportiert werden können und so wurde es mir auch von anderen Eltern bestätigt (mal davon abgesehen, dass manche Kinder in dem Alter lieber selbst fahren wollen, aber wenn sie mal eine Pause brauchen, passen sie rein).

Daher sind sie eine sehr sinnvolle Investition und wenn man sie doch nicht mehr braucht, kann man sie praktisch verlustfrei verkaufen, da sie sehr wertstabil sind. Ein Auto verliert im Gegensatz dazu deutlich schneller an Wert.

E-Lastenfahrrad, E-Cargobike

Wer sich Sorgen macht, ob er oder sie so ein Fahrrad bewegt kriegt, kann sich nach einem E-Lastenfahrrad umsehen. Die E-Cargobikes sind natürlich deutlich teurer als muskelkraftbetriebene Lastenräder, aber sie geben Sicherheit und entlasten den Körper. Im Moment komme ich so gut zurecht, würde aber nicht zögern, mir ein E-Lastenfahrrad zuzulegen, wenn ich das brauchen sollte. Das Aufladen ist nicht teuer, bei der Nutzung von Ökostrom auch klimaneutral und geht wohl verhältnismäßig schnell. Für lange Strecken ist das sinnvoll.

Fazit

Ich liebe mein Lastenfahrrad. Und alle, mit denen ich gesprochen habe und auch ein Lastenfahrrad haben, tun das auch und würden nicht mehr darauf verzichten. Für die Großstadt ist es das ideale Fortbewegungsmittel, wenn der regelmäßige Transport von Lasten oder Kindern ansteht. In vielen Städten gibt es die Möglichkeit, sich Lastenfahrräder kostenlos oder gegen ein geringes Entgelt unkompliziert auszuleihen und es einfach mal zu testen. Gerade auch für ältere Menschen ohne Auto, die aber mal größere Einkäufe haben, die sie selbstständig erledigen wollen, kann ich das nur empfehlen. Besonders die Trikes mit den großen Körben hinten oder vorne bieten ein stabiles und sehr angenehmes Fahrgefühl. Eine Möglichkeit hier wäre auch das Teilen des Rades von mehreren Personen.

Eigentlich verabscheue ich Fahrrad fahren in der Stadt, aber durch das Lastenfahrrad mag ich es mittlerweile recht gerne und bin im Straßenverkehr auch schon viel sicherer und ruhiger geworden und schlage bereits freiwillig Touren mit dem Fahrrad vor. Das ist sehr ungewöhnlich für mich und zeigt, dass das Lastenfahrrad wirklich eine Bereicherung für mein Leben ist. Wer gerne ressourcenschonend und selbstständig in Städten unterwegs ist, sollte die Anschaffung eines Lastenfahrrads wohlwollend in Erwägung ziehen. 😊

Was denkt ihr über Lastenfahrräder? Mögt ihr sie oder bevorzugt ihr andere Transportmittel? Schreibt es mir in die Kommentare, ich bin gespannt auf eure Meinungen!

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