aufgeräumte Beete, ungeschützter Boden – Grünpflege in der Stadt

Berliner Sandboden: grau, fest, trocken, laubfrei – nachdem die private Garten-und Landschaftspflegefirma aufgeräumt hat

Kommt euch das obige Bild bekannt vor? Bestimmt. Jeder Mensch in Berlin sieht praktisch täglich solche Beete, wenn er an einer der vielen Grünflächen in Berlin vorbeikommt. Der Boden liegt offen und bloß, ist grau, fest und sehr, sehr trocken. Wenn es regnet, kann das Wasser vom Boden kaum aufgenommen werden, es läuft ab in die Gullis. Nach einem ausgiebigen Regenguss sind nur wenige Zentimeter des Bodens feucht, darunter liegt trockener Sand.

Eigentlich sollte dieser Artikel ein Meckerbeitrag werden. Ausführlich wollte ich mich über die Gartenpflegesfirmen in der Stadt beklagen, die die ohnehin schlechte Bodenqualität in Berlin und Brandenburg, Stichwort Sandkiste, nur verschlimmbessern mit ihrem Geharke, Gerupfe und Gemähe.

Wenn die Gartenpflegefirmen da waren, ist es im Beet deutlich ordentlicher als in meinem Wohnzimmer. Die bodendeckenden Pflanzen sind weggeschmirgelt, der Boden liegt nackt und ungeschützt, Wind und Wasser lassen ihn erodieren, die Sonne dörrt ihn aus, macht ihn hart und trocken. Das bisschen Grünzeug, wie oben auf dem Bild zu sehen, mickert vor sich hin.

Unsere Bürgerinnen und Bürger wollen das so

Ein Beet mit ein paar mickerigen, fast kahlen Sträuchern mitten im August 2020, nachdem die Gartenpflege mit der Arbeit fertig war

Aber kürzlich hatte ich Gelegenheit, mit einer Revierleiterin im Grünflächenamt zu sprechen. Und habe erfahren, dass die Garten- und Landschaftsbau- und -pflegefirmen natürlich wissen, wie ein Boden aussehen muss. Auch die GaLa-Fachkräfte würden lieber weniger abtransportieren, sondern das Laub im Beet verbleiben lassen, wo es den Boden schützt und nicht nur einige erlaubte Büsche und Sträucher auf kahlem Boden stehen.

Aber, da kommt das große Aber: die Bürger und Bürgerinnen dieser Stadt möchten es so. Kahle, nackige, aufgeräumte Beete. Ehrlich gesagt, finde ich das traurig. Wäre es nicht viel schöner, wenn alles saftig und grün wäre, die Erde schwarz, locker und nach Waldboden duftend?

Ein Dürresommer folgt auf den nächsten, teilweise haben wir schlimme Unwetter. Das Wasser fließt ab, ohne den Boden zu erreichen. Eine Laubschicht in den Beeten würden das Austrocknen vieler Pflanzen verringern und den Boden fruchtbar und feucht halten. Das weiß doch jede Kleingärtnerin mittlerweile!

Was sagt denn das Gesetzt?

Ich habe ein wenig recherchiert und für Berlin folgende Charta gefunden: Charta für das Berliner Stadtgrün. Eine Selbstverpflichtung des Landes Berlin. Vorlage der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz. #meingruenesBerlin

https://www.berlin.de/senuvk/umwelt/stadtgruen/charta/download/Charta.pdf – Abruf: 27.08.2020

Ich habe mir diese Charta sowie das nebenstehende Handlungsprogramm durchgelesen und viel zum Schutz der Grünflächen als Erholungs- und Naturerfahrungsorte gefunden, zum Naturschutz und zum Erhalt der Artenvielfalt. Zweimal ging es explizit um den Boden und dessen Schutz und Erhalt, außerdem auch um die Speicherung von  CO2.

Zusammen mit den großen Berliner Wasserflächen bilden die Stadtwälder einen einzigartigen, stadtnahen Schatz an Erholungsräumen der Ruhe und des Erlebens und Orte der Biodiversität. Die Wälder sichern die Trinkwasserversorgung und dienen der CO2-Absenkung in hohem Maße. (S. 8)

„Gleichzeitig binden Grünflächen mit ihren Bäumen und humosen Böden sowie Moore in großen Mengen Kohlenstoff. […] Die Bedeutung des Stadtgrüns als Kohlenstoffspeicher wird weiter gefördert.  Insbesondere die Maßnahmen der Moorrenaturierung, Pflanzung von Bäumen und die Entsiegelung und Entwicklung der Böden sind Maßnahmen, die mehrfache Wirkungen haben.“ (S. 17)

Was gab es noch zum Schutz, zur Pflege und vor allem zur Qualitätsverbesserung des Bodens zu lesen?

Eine Großstadt benötigt Energie, Rohstoffe und Wasser. Gleichzeitig produziert sie Abfall, Abwasser, Abwärme und Schadstoffe. Park- und Grünanlagen, Friedhöfe, Kleingärten und Sportflächen erzeugen Biomasse und damit Energie und Kompost. Diese Grünflächen kühlen gleichzeitig die Stadt und reinigen die Luft. Diese Prozesse sollen zu nachhaltigen CHARTA FÜR DAS BERLINER STADTGRÜN 18 Stoffstromkreisläufen entwickelt werden. Regenwasser kann genutzt werden, damit die Straßenbäume besser wachsen und Parks mit Wasser versorgt werden. In der Stadt wird Nahrung produziert, lokal und mit viel Engagement der Aktiven. Auch Kultur wird im Stadtgrün produziert, indem der Freiraum zur Bühne für Musik und Kunst wird. Die Grün- und Freiflächen der Stadt sind eine zentrale Ressource, um die produktive Stadtlandschaft Berlin zu fördern. (S. 17f.; Hervorhebungen von mir)

Außerdem habe ich das Handbuch „Gute Pflege in Berlin“ gefunden. Das bezieht sich aber trotz des Titels nicht auf die Pflegegrade in der ambulanten und stationären Kranken- und Altenpflege, sondern auf die Pflege des Stadtgrüns.

Schon auf der Seite der Senatsverwaltung sind die 11 Goldenen Regeln für „Gute Pflege“ aufgeführt:

„Bei der Pflege und der Unterhaltung von Grünflächen und Bäumen

5. wird Mahdgut und Gehölzschnitt nachhaltig genutzt und soweit möglich dem Naturkreislauf zugeführt

6. wird darauf geachtet, dass Laub, wo immer es möglich ist, vor Ort verbleibt (Hervorhebungen von mir)

11. wird schonend mit dem Boden umgegangen – vor allem was den Eintrag von Fremdsubstraten angeht. Die Verbesserung schwieriger Standortsituationen für Pflanzungen wie z.B. von Innenstadtbäumen durch ein spezifisches organisch angereichertes Bodensubstrat ist dabei möglich.“ (https://www.berlin.de/senuvk/umwelt/stadtgruen/pflege_unterhaltung/de/hgp/index.shtml – Abruf: 27.08.2020.)

Laub soll also vor Ort verbleiben, was ganz im Gegensatz zu den aufgeräumten und kahl geharkten Beeten in meiner Wohngegend steht. Diese werden aber auch von einer privaten Dienstleistungsfirma und nicht von der Stadt gepflegt. Außerdem habe ich folgende Absätze zur Pflege von Formschnittgehölzen, Büschen, Stauden und Beeten gefunden:

„Abfallendes Herbstlaub der Formschnittgehölze kann in der Regel auf der Fläche verbleiben. Gerade unter Bäumen und Sträuchern dient das Laub zur Nährstoffzufuhr der Strauchpflanzen sowie als Unterschlupf für Kleintiere. Zudem überwintern dort viele Organismen, und eine Falllaub-Auflage ist z. B. für die Nachtigall und andere Vogelarten essenziell zur Nahrungssuche. Gleichzeitig schützt das Laub den Boden und trägt zur Freisetzung von Nährstoffen frei. In begründeten Einzelfällen z. B. aus besonderen gestalterischen Gründen kann das Entfernen von Laub erforderlich sein.“ (S. 79, Handbuch für Gute Pflege).

Auch laut den Übersichts- und Pflegetabellen kann je nach Bedarf Laub 4x jährlich entfernt werden. Es muss also nicht viermal im Jahr geschehen. (S. 80, Handbuch für Gute Pflege).

Zur Pflege von Blüh- und Decksträuchern wird das Gleiche wie oben geschrieben, das Laub soll verbleiben, zusätzlich findet sich folgender Absatz:

„Damit ist das Entfernen des anfallenden Laubes eine Maßnahme, die erheblich die Biodiversität in Grünanlagen beeinträchtigen kann. Gleichzeitig schützt das Laub den Boden und trägt zur Freisetzung von Nährstoffen frei. Eine Abweichung sollte daher nur in besonders begründeten Einzelfällen zugelassen werden. Doch in urbanen Grünanlagen, die einem hohen Nutzungsdruck unterliegen, kann im Herbst die Einsehbarkeit in Blüh- und Decksträucher das Sicherheitsempfinden der Nutzer erhöhen. In diesen begründeten Einzelfällen reduziert das Entfernen des Herbstlaubs ggf. bei gleichzeitigem Verjüngungs- oder Stockschnitt die Versteckmöglichkeiten von z. B. Drogendepots im Laub. Das gesammelte Laub ist fachgerecht zu entsorgen bzw. im Sinne der Guten Pflege weiterzuverwenden.“ (S. 91, Handbuch für Gute Pflege, Hervorhebungen von mir).

Das Argument, das Drogen im Laub versteckt werden können, kann ich absolut nachvollziehen, das mag in stark frequentierten Parks auch durchaus der Fall sein. In unserer Wohngegend, wo es ein reges soziales Miteinander und eine aufmerksame Nachbarschaft gibt, ist es aber vermutlich sehr schwer, einen sicheren Platz zum Verstecken von Drogen zu finden, ganz gewiss aber nicht in den Beeten direkt am Haus.

aufgeräumtes Beet, die Bodendeckerpflanzen sind weg, eine Sonnenblume wurde umgeknickt

Von der Revierleiterin im Grünflächenamt habe ich erfahren, dass sie die Grünabfälle und Holzschnittabfälle einsammeln und kompostieren. Dieser Kompost wird dann bei Bedarf ausgebracht, beispielsweise in Grünanlagen oder wenn Löcher in Wiesen oder anderen Freiflächen entstanden sind durch buddelnde Hunde oder Kinder. GaLa-Firmen verfahren vermutlich ähnlich.

Also, liebe Mitmenschen in Berlin! Wollen wir nicht unsere Böden schützen? Sie sind unsere Basis, das Fundament, auf dem wir stehen. Unsere Gesetzgebung und de Leitlinien sind schon viel weiter, als das tatsächliche Handeln vor Ort! Lasst uns uns dafür einsetzen, dass die Beete in unseren Wohngebieten nicht wie geleckt aussehen, sondern bunt, vielfältig, grün und gesund. Sprecht die Gartenpflegefirmen ruhig an und fragt, ob sie nicht Laub im Beet lassen können und auch die einjährigen Pflanzen nicht gleich wegharken. Die Grünanlagen und Beete werden es euch danken!

Wie sieht es bei euch in der Stadt mit den Beeten aus? Laub ja oder Laub nein? Bedeckter Boden oder kahler Boden? Schreibt es mir in die Kommentare, ich freue mich auf eure Erfahrungen!

Meine Quellen: https://www.berlin.de/senuvk/umwelt/stadtgruen/pflege_unterhaltung/download/Handbuch-Gute-Pflege_Berlin.pdf – Abruf: 27.08.2020

Handbuch Gute Pflege. Pflegestandards für die Berliner Grün- und Freiflächen. Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz Referat Naturschutz, Landschaftsplanung und Forstwesen und Referat Freiraumplanung und Stadtgrün. 2016

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